Interview Patrick A Kelly (Cortona 2001)

Fragen und Antworten mit Patrick Kelly in Cortona, Italien, Oktober 2001

geführt von Jean Haines (GB), Michael Plötz (D) und Michael Jagdt (D)

(Deutsche Fassung von Michael Jagdt / Michael Plötz)

„It’s All in The Mind – Reines Körpertraining gibt es praktisch nicht im Taiji“

Interview mit Patrick Kelly (NZ), einem der engsten Schüler von Meister Huang Xingxian, Malaysia, der wiederum ein herausragender Schüler von Zheng Manqing war. Patrick Kelly unterrichtet Taiji seit 1992 regelmäßig im Rahmen von Workshops und Camps in Deutschland und anderen Ländern Europas.

Was hast du durch die Jahre deiner Taiji-Arbeit erreicht?

P.K.: Das Hauptergebnis des Trainings unter der Anleitung eines echten Lehrers ist innere Entwicklung. Anstrengungen und Entbehrungen sind der Preis.

 

Als ich mit Anfang 20 und 10 Jahren Training in westlichen Kampfkünsten sowie etwas Yoga- und Meditationskenntnissen dabei war, mein Hochschulstudium zu beenden, entschloss ich mich, mein Leben auf die Suche nach innerem Sinn und innerer Entwicklung zu konzentrieren.

 

Boxen und Ringen hatten keinen Tiefgang, Yoga hatte Tiefgang, war mir aber zu passiv, während mir Meditation ohne ergänzendes Training zu unausgewogen schien. Ich versuchte es mit den japanischen Systemen, aber aufgrund ihrer kulturbedingten Strenge wendete ich mich den chinesischen Künsten zu und begann mit Taiji.

 

Taiji – zumindest die Lehre von Meister Huang Xiangxian – erfüllte alle meine Erwartungen hinsichtlich einer ausgewogenen inneren Entwicklung.

Welcher Aspekt von Taiji interessiert dich heute am meisten?

P.K.: Nur der Verstand (mind) und das, was jenseits des Verstandes liegt, interessiert mich wirklich. Das Gebiet meiner Wahl, auf dem ich Menschen helfe, ist sie zu lehren, wie man den Körper unter die Kontrolle des Verstandes bringt.

 

Dem Vorgang, bei dem der Verstand tiefer zu seiner Quelle vordringt, gilt mein persönliches Interesse.

 

Gesundheit und Selbstverteidigung sind sehr untergeordnete Interessen.

Hat sich dein Bild von Taiji in den letzten 30 Jahren sehr verändert?

P.K.: Nicht wirklich. Ich begann Taiji ohne es jemals gesehen zu haben. Ich wusste nur, dass es sich um eine der chinesischen Kampfkünste handelt, die auf daoistischen Prinzipien basieren und die innere Entwicklung zum Ziel haben.

 

Nachdem ich einen von Meister Huangs Instruktoren getroffen hatte, der eindeutig Kenntnisse und Fähigkeiten jenseits dessen demonstrierte, was ich in den vorangegangenen 10 Jahren meiner Nachforschungen gesehen hatte, und nachdem ich Meister Huang selbst getroffen hatte, wusste ich, dass ich gefunden hatte, was ich suchte.

Was ist deine persönliche Unterrichtsphilosophie?

P.K.: Es ist wichtig, die Schüler zu ermutigen, sich so anzustrengen, dass sie sowohl ihre äußeren Grenzen ausweiten als auch tiefer in sich selbst hineingehen.

 

Es ist wichtig sicherzustellen, dass die Schüler verstehen, warum sie bestimmte Dinge üben und wohin diese Übungen sie führen werden. Sobald sie den Weg vor sich sehen und den Sinn erkennen, diesen Weg zu gehen, können sie allmählich unabhängiger von mir werden. Dieses Verständnis schützt sie außerdem in Zukunft davor, von skrupellosen Lehrern in die Irre geleitet zu werden.

 

Ferner ist es wichtig, die Verpflichtung zu verstehen, die im Unterrichten liegen. Das Üben dient der eigenen Entwicklung während das Unterrichten zur Unterstützung anderer erfolgt. Wenn man übt, um Lehrer zu werden, oder unterrichtet, um Prestige oder Geld zu erhalten, wird es weder der eigenen inneren Entwicklung dienen noch dient es der inneren Entwicklung anderer.

Was sind deine zukünftigen Pläne hinsichtlich deines Unterrichts in Europa?

P.K.: Von der großen Anzahl, die anfangs in meine Workshops kamen, wählte ich und konzentrierte ich mich auf hundert Schüler, die am meisten bereit waren, das zu üben, was unterrichtet wurde. Ich beabsichtige, sie anzuleiten bis sie auf eigenen Füßen stehen können.

 

Wenn diese hundert die Vorgänge und Verfahren wirklich gut verstehen, wenn sie im Stande sind, es in ihren Körpern zu finden und dann an ihre Schüler weiterzugeben, dann steht es uns frei, uns auf die tieferen Aspekte zu konzentrieren.

 

Meine Erfahrung und die meines Lehrers besagen, dass es ungefähr vierzehn oder fünfzehn Jahre stetigen Trainings bedarf, bevor ein Schüler in der Lage ist, unabhängig zu unterrichten. Ich lernte zwanzig Jahre unter Meister Huang bis zu seinem Tod in 1992 und das ist die Grundlage für die von mir angebotene Hilfe.

Was sind die tieferen Aspekte?

P.K.: Die tieferen Aspekte liegen im Verstand und jenseits des Verstands. Es gibt drei klare Ebenen im Taiji: den Körper, den Verstand und das was jenseits des Verstandes (spirit) ist. Ich bemühe mich, die Menschen auf der Körper-Ebene gründlich zu unterweisen, führe sie weiter in Bereiche des Verstandes, während ich stetig die spirituellen Gesichtspunkte einbringe.

Welche Dinge sind am wichtigsten für das Training auf den verschiedenen Ebenen?

P.K.: Das Ziel besteht darin die Ebenen zu vereinen statt ausschließlich nur auf einer zu arbeiten. Man sollte zuerst lernen, sich geschmeidig in seinem Körper zu bewegen, dann loszulassen, sich innerlich auszurichten und damit die Verbundenheit zu gestalten, um dann die Kräfte im Körper zu finden – all dies in Verbindung mit dem Verstand. Dies alles sind die Aspekte der Verstand-Körper-Koordination (mind-body-co-ordination). Reines Körpertraining gibt es praktisch nicht im Taiji.

 

Dann gibt es das Training für die Verstand-Energie-Koordination (mind-energy-co-ordination) und später für die tiefsten Bereiche des Verstandes (deep mind). Gleichzeitig ermöglicht das Training, die Verbindung zwischen dem deep mind und dem spirit zu stärken.

Was unterrichtest du in Bezug auf den Verstand?

P.K.: Zwar ist es möglich, etwas dazu zu sagen, aber echtes Verständnis entsteht nur durch eigenes Training. Es gibt Wahrnehmung (Aufmerksamkeit) und Intention auf vielen Ebenen von sehr oberflächlich bis sehr tief verborgen. Wahrnehmung und Intention verbinden sich und bewirken im Zusammenspiel Reaktionen. Üblicherweise wird im Taiji in einem gewissen Umfang die Wahrnehmungsfähigkeit trainiert, aber die Intention wird selten trainiert. Aktion mit Wahrnehmung beinhaltet das Prinzip „Körper aktiv – Verstand passiv“ während Aktion mit Intention das Prinzip „Körper passiv – Verstand aktiv“ beinhaltet.

 

Das besondere Training der Intention des Verstandes (Yi) wurde von den alten Meistern ganz bewusst geheim gehalten. Meister Huang und Meister Ma zum Beispiel behielten es nur den „inneren“ Schülern vor und übertrugen dieses Wissen damit nur an einige wenige ihrer tausenden Schüler. Deshalb ist die Methode der Intentionsentwicklung gewöhnlich nicht Bestandteil des Trainings - weder in China noch im Westen – und das, obwohl die klassischen Schriften sie für das wichtigste halten. Aber selbst wenn sie unterrichtet wird, muss ein Schüler eine lange Zeit üben, bevor er sie für sich finden und vertiefen kann.

Kannst du uns etwas über deine wichtigsten Lehrer erzählen?

P.K.: Am Anfang des Weges wurde es offensichtlich, dass ich einen Lehrer finden musste, der in spirituellen Dingen wirklich wusste, was er tat. Ich begann Meister Huangs Taiji und kurz darauf bei einem Sufilehrer zu lernen. Er war ein Scheich aus der Naqshibandi-Tradition von Afghanistan, der auch zum Teil auf die Gurdjieff-Tradition zurückgriff. Ich lernte weiter von diesen zwei Menschen bis zu ihrem Tod (Meister Huang in 1992; der Sufi-Lehrer in 1987).

 

Weitere Lehrer mit einem gewissen Einfluss sind ein alter Yogi in einer Wüste in Indien, den ich von Zeit zu Zeit besuche, und ein alter daoistischer Weiser, der verborgen in China lebt und im Westen nicht bekannt ist. Ebenso half mir Meister Ma Yueh Liang, der 6 Monate in Neuseeland verbrachte und den ich später in China besuchte. Schließlich stehe ich seit 15 Jahren in engem Kontakt mit Meister Ni Hua Ching, der Yang Shou Hou und Yang Cheng Fu kannte und mit Zheng Manqing eng befreundet war. Alle diese Lehrer drängten mich zu unterrichten. Ohne ihre Ermächtigung würde ich mir nicht anmaßen, andere in ihrem Leben anzuleiten.

Wenn wir wieder auf das Taiji-Training zurückkommen – was ist der Zweck des Pushing-Hands?

P.K.: Pushing-Hands trainiert das Feingefühl (Sensitivität), die Form trainiert die innere Stärke. Dies ist ihr ursprünglicher Zweck, der aber von dürftig geschulten Adepten umgekehrt wird: Sie üben die Form leichthin mit Wahrnehmung aber ohne Intention auf der Suche nach Feingefühl, und versuchen dann beim Pushing-Hands innere Stärke zu finden, indem sie rohe Kraft in Verbindung mit einfacher Mechanik anwenden.

 

Pushing Hands lehrt einen, seine Wahrnehmung so zu erweitern und auszudehnen, dass sie andere Personen einschließt. Es erlaubt einem, die Wahrnehmung, der Intention des Partners und die richtige Antwort darauf zu üben, wohingegen in der Form die eigene Intention die Bewegung erzeugt als Antwort auf die gespeicherte Körpererinnerung der Bewegungsabfolge.

 

Mit der Zeit und der richtigen Übungsweise wird man so feinfühlig, dass man die Bewegungsabsicht im Körper, Energiefeld und Verstand des Partners spüren kann.

 

Außerdem ist Pushing-Hands eine Lehrmethode, bei der die Schüler direkt mit dem Lehrer interagieren und aus diesem Kontakt lernen können.

Hast du an Pushing-Hands-Wettkämpfen teilgenommen? Was hältst du von Wettbewerben?

P.K: Ich habe niemals an einem Pushing-Hands-Wettkampf teilgenommen, aber wenn man in der chinesischen Welt mit jemandem pusht und berücksichtigt, dass die meisten Schüler und Lehrer in Asien im besten Fall in den „äußeren“ Schulen der guten Meister gelernt haben, wird es häufig sehr wettbewerbsorientiert.

 

In Asien gingen wir oft am Wochenende in die Parks, in denen sich Taiji-Leute von vielen verschiedenen Schulen trafen. Obwohl es unsere Absicht war, zu lernen, war diese Situation extrem wettbewerbsorientiert und als ich in China verschiedene Lehrer besuchte, wurde dies oft fälschlicherweise als eine Herausforderung missverstanden, so dass ein ernstzunehmendes Pushing-Hands kaum zu vermeiden war.

 

Ich habe Wettkämpfe beobachtet und sie scheinen die schlechtesten Aspekte im Taiji hervorzubringen und anzuregen. Das Vergleichsdenken und die verzweifelten Versuche zu gewinnen widersprechen den grundlegenden Prinzipien. Ich glaube nicht, dass man viel Wertvolles daraus lernen kann.

 

Einige meinen, dass sie mit einer aggressiven Energie oder einer aggressiven Situation umzugehen lernen, aber ich beobachte, dass diese Leute selbst nur immer kämpferischer werden. Die aggressive Situation regt Aggressivität an und so erhalten die Leute genau das Gegenteil von dem, was sie sich vorstellen. Aggressiv veranlagte Menschen fühlen sich in ihrem Verhalten bestätigt, steigen auf in den Rängen der Organisationen, die diese Wettkämpfe veranstalten, und führen so diese Verhaltensmuster ewig fort.

To be continued...